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Über die körperdysmorphe Störung (KDS)

Menschen, die an einer körperdysmorphen Störung (KDS) leiden, beschäftigen sich übermäßig stark mit einem wahrgenommenen Defekt oder Makel im Aussehen, und befürchten, deshalb von anderen Personen negativ beurteilt zu werden. Dabei sind die Makel für andere nicht oder kaum sichtbar, so dass es schwer ist, die Überzeugungen der Betroffenen nachzuvollziehen. Für die Menschen mit KDS ist jedoch der Makel real, so dass es zu einem sehr hohen Leidensdruck, verursacht durch die Sorgen um das Aussehen, kommen kann. Die Gedanken kreisen immer wieder um die Sorge, hässlich zu sein.

Menschen mit KDS sind nicht eitel! Sie glauben wirklich an ihre eigene Hässlichkeit und sind eher wenig von sich und ihrem Aussehen eingenommen. Während einige Betroffene erkennen können, dass andere Leute, den Makel nicht wahrnehmen können und zeitweise ihre eigene Wahrnehmung hinterfragen können, sind andere von ihrer Wahrnehmung stark überzeugt und denken ihre Bekannten und Angehörigen würden sie lediglich beruhigen wollen. Betroffene fühlen sich oft durch ihren wahrgenommenen Makel definiert und schämen sich für ihn. Darum versuchen sie in der Regel auch, ihn zu verstecken oder zu beseitigen, oder kontrollieren ihn zwanghaft. Manche verbringen zum Beispiel Stunden vor dem Spiegel, um den Makel zu kontrollieren oder zu beeinflussen, andere hingegen versuchen, ihr Spiegelbild komplett zu vermeiden, um sich nicht mit dem Makel zu konfrontieren. Diese Strategien wirken jedoch nur kurzfristig; die Besorgnis kehrt schon nach kurzer Zeit wieder zurück. Vermieden werden häufig auch soziale Kontakte, um sich nicht bewertenden Blicken aussetzen zu müssen. Das kann so weit führen, dass manche kaum mehr das Haus verlassen. Es wird für Betroffene oftmals immer schwieriger, ihr Leben zu bewältigen, so dass es oft zusätzlich zu einer Depression kommen kann, was die Probleme noch zusätzlich erhöht. Dieser Leidensdruck kann auch so hoch werden, dass Betroffene versuchen, sich das Leben zu nehmen.

Häufige Fragen

1

Was unterscheidet KDS von “normalen” aussehensbezogenen Sorgen?

2

Wie beeinflusst KDS die Gefühle?

3

Wie beeinflusst KDS das Leben der Betroffenen?

4

Welche Körperteile werden häufig als Makel empfunden?

5

Was ist Muskeldysmorphie?

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Wie häufig kommt KDS vor?

7

Welche Unterschiede gibt es zwischen Männern und Frauen mit KDS?

8

Was verursacht KDS und wieso bleibt sie bestehen?

9

Was erhält KDS aufrecht?

10

Welche Verhaltensweisen kommen bei Menschen mit KDS häufig vor?

Was unterscheidet KDS von “normalen” aussehensbezogenen Sorgen?

Die meisten Menschen kennen das: Man sieht in den Spiegel und entdeckt Körperregionen, die einem nicht gefallen, die man sogar als hässlich empfindet. Viele versuchen dann, ihr Äußeres zu korrigieren, zum Beispiel, indem sie Make-Up auftragen oder die Haare sorgfältig frisieren.

Wenn die Sorgen über das Aussehen länger als eine Stunde am Tag andauern und zu hohem Leidensdruck führen und/oder das Funktionieren in wichtigen Lebensbereichen (z.B. Arbeit, Partnerschaft) eingeschränkt wird, kann es sich um eine KDS handeln. Die Beeinträchtigung kann mithin so groß sein, dass Betroffene das Haus nicht verlassen können, wenn sie das Gefühl haben, den Makel nicht ausreichend kaschiert zu haben.

Wie beeinflusst KDS die Gefühle?

Menschen mit einer KDS beschäftigen sich oft lange Zeit am Tag gedanklich mit ihrem Aussehen. Bei einigen Betroffene sind das ein oder zwei Stunden am Tag, es kann aber auch sein, dass Betroffene ihr Aussehen immer im Hinterkopf haben.

Zu den Gedanken gehört z.B. Grübeln, Sorgen oder so genannte intrusive Gedanken, die einem plötzlich in den Kopf kommen, obwohl man das gar nicht möchte. Die KDS äußert sich auch auf Gefühlsebene. Es werden oft Scham, Angst. Niedergeschlagene Stimmung bis zu Depression und Ekel berichtet.

Wie beeinflusst KDS das Leben der Betroffenen?

Die Definition von KDS erfordert, dass Belastung und Beeinträchtigung durch die Sorgen um das Aussehen in verschiedenen Lebensbereichen vorliegt. Das Ausmaß der Belastung und Beeinträchtigung kann von Person zu Person unterschiedlich sein. Manche Betroffene sind in ihrer Lebensführung extrem eingeschränkt, indem sie zum Beispiel nicht mehr das Haus verlassen können.

Die KDS kann sich aber negativ auf Partnerschaften auswirken, was sich daran zeigt, dass viele Betroffene alleinstehend oder geschieden sind. Andere Betroffen leiden unter ihrem Aussehen, können ihren beruflichen Alltag, Partnerschaft und Familienleben aber aufrechterhalten.

Welche Körperteile werden häufig als Makel empfunden?

Die meisten Menschen mit KDS berichten, dass sie mehrere Makel an sich wahrnehmen. Die betroffenen Körperregionen können aber auch im Verlauf der Erkrankung wechseln. Sehr häufig beziehen sich die empfundenen Makel auf das Gesicht oder den Kopfbereich, wie zum Beispiel Haut, Nase, Haare, Augen, Kinn oder Lippen.

Am Körper ist es oft die Körperform, die Körperbehaarung, Bauch / Taille, Po, Brust, Beine und Genitalien. Manchmal sind es aber auch keine bestimmten Körperregionen an sich, sondern das Gefühl von Asymmetrie, oder das z.B. etwas "zu groß", "zu klein" oder "unproportioniert" aussieht.

Was ist Muskeldysmorphie?

Eine bei Männern häufiger als bei Frauen vorkommende Unterform der KDS ist die so genannte Muskeldysmorphie (MD), die durch die Hauptsorge charakterisiert ist, nicht muskulös genug zu sein. Die spezifischen Symptome schließen zwanghaftes und exzessives Gewichtheben sowie strenges Festhalten an speziellen Trainingsabläufen und konkreten Ernährungsplänen ein.

Oftmals kommt es bei der MD auch zur Einnahme von leistungssteigernden Substanzen wie zum Beispiel anabolen Steroiden, vermehrten Körper- und Spiegelkontrollen, aber auch der Vermeidung von sozialen Situationen aufgrund von Angst vor negativer Bewertung durch andere.

Wie häufig kommt KDS vor?

Mehrere Studien haben herausgefunden, dass die KDS keine seltene Störung ist: Ungefähr 2% der Menschen in der Allgemeinbevölkerung leiden darunter. Damit kommt KDS häufiger vor, als zum Beispiel Anorexia Nervosa oder Zwangsstörungen. Im Unterschied zu den Essstörungen kommt die KDS annähernd gleich häufig bei Männern und Frauen vor. Obwohl die KDS gar nicht so selten ist, wird sie von Behandeln oftmals nicht erkannt.

Dies kann daran liegen, dass es für Menschen mit einer KDS sehr schwer ist, über ihre Sorgen um das Aussehen zu sprechen. Zum anderen kann es Wissensdefizite bei Behandlern geben, die dazu führen, dass die KDS nicht erkannt wird.

Welche Unterschiede gibt es zwischen Männern und Frauen mit KDS?

Generell gibt es kaum Unterschiede in dem Erscheinungsbild der KDS bei Männern und Frauen, aber die betroffenen Körperregionen sind teilweise geschlechtsspezifisch. Wenn sich auch bei beiden Geschlechtern die Makel oft auf das Gesicht oder den Kopfbereich konzentrieren,

sind Männer geschlechtsspezifisch eher besorgt um ihre Genitalien, ihre Körperstatur und sich lichtendes Haupthaar (oder Glatze), wohingegen Frauen sich eher um Haut, Bauch, Gewicht, Busen, Po, Oberschenkel, Beine, Hüften und starke Körperbehaarung sorgen.

Was verursacht KDS und wieso bleibt sie bestehen?

Für die KDS gibt es (wie bei allen anderen psychischen Störungen auch) nicht einen einzigen Grund. Es müssen mehrere Faktoren zusammenkommen, damit eine Person erkrankt. Im Vergleich zu anderen psychischen Störungen ist die KDS diesbezüglich noch nicht gut erforscht, aber es werden einige Faktoren diskutiert, die an der Entstehung von KDS vermutlich beteiligt sind:

Genetische Veranlagung, Störungen des Serotoningleichgewichts, Hänseleien in der Kindheit und Jugend aufgrund des Aussehens, Perfektionismus, ein ausgeprägter Sinn für Ästhetik, ein tatsächlich vorliegender kleiner Schönheitsfehler, oder einer, der vielleicht früher einmal vorgelegen hat (zum Beispiel starke Akne in der Pubertät).

Was erhält KDS aufrecht?

Es gibt verschiedene Faktoren, die dafür sorgen, dass die KDS, wenn sie sich entwickelt hat, nicht von selbst wieder verschwindet, sondern aufrechterhalten wird. Dazu gehört z.B. eine starke Fokussierung auf den Makel, Verzerrungen in der Verarbeitung visueller Reize oder auch belastende mentale Bilder des eigenen Aussehens. Relevant sind zudem negative Interpretationen und Bewertungen z.B. "Meine Nase ist hässlich, deswegen mag mich niemand".

Solche Gedanken führen zu belastenden Gefühlen und häufig reagieren Betroffene mit Vermeidungsverhalten oder kontrollierenden Verhaltensweisen, die wiederum an der Aufrechterhaltung beteiligt sind. Es gibt noch weitere Faktoren und es müssen nicht alle Faktoren zutreffen. Letztendlich ist es individuell, wie die KDS bei einer Person aufrechterhalten wird.

Welche Verhaltensweisen kommen bei Menschen mit KDS häufig vor?

Betroffene mit einer KDS verbringen oft viel Zeit mit verschiedenen Verhaltensweisen, die sich auf ihr Aussehen beziehen. Dazu gehört z.B. das Aussehen im Spiegel oder anderen reflektierenden Oberflächen überprüfen, die Haut mit den Fingern abtasten oder nach Unregelmäßigkeiten absuchen, Haare übermäßig lange kämmen, föhnen, frisieren usw., sich selbst mit anderen vergleichen (Leute auf der Straße, oder Modells in den Medien),

mit anderen Menschen über ihr Aussehen sprechen (z.B. sich rückversichern, ob es "ok" ist) oder das Aussehen tarnen, also zum Beispiel den Makel verdecken.Es gibt auch einige Situationen, die Menschen mit einer KDS oft vermeiden. Dazu gehört z.B. helles Licht, Spiegel und reflektierende Oberflächen, Verabredungen, soziale Situationen, aus nächster Nähe betrachtet werden können.

Selbsttest

Selbsttest

Wenn Sie sich nicht sicher sind, ob bei Ihnen evtl. eine KDS vorliegt, können Sie Hier einen anonymen und den Datenschutzbestimmungen unterliegenden Selbsttest durchführen (weitere Informationen zu Datenschutzbestimmungen und dem weiteren Umgang mit den Daten werden vor Beginn des Tests ausführlich zusammengefasst).
Die Bearbeitung dauert ungefähr 20 Minuten. Nach Beendigung erhalten Sie Ihre individuelle Rückmeldung, Informationen zur KDS, verwandten Problembereichen sowie Hinweise für Hilfsangebote.

Informationen für Angehörige und Bezugspersonen

Wenn Sie in Ihrer Familie oder Ihrem Freundeskreis eine Person haben, die an KDS leidet, kann es für Sie sehr schwer sein, den Betroffenen zu verstehen. Vielleicht haben Sie auch schon Stunden darauf verwendet, der betroffenen Person zu versichern, dass Sie sie nicht hässlich finden – vermutlich erfolglos. Wahrscheinlich fühlen Sie sich völlig hilflos oder machen sich Vorwürfe, dass Sie nicht helfen können.

Wie „verrückt“ das Verhalten, dass die betroffene Person ausführt, auch anmuten mag, es ist ein Teil von KDS. KDS ist nicht verrückt, sondern eine psychische Störung.

Setzen Sie der KDS überall da Grenzen, wo die KDS Sie bzw. die ganze Familie beeinflusst (z.B. bei stundenlanger Benutzung des Bads).

Werden Sie nicht ein Komplize der KDS! Unterstützen Sie kein Sicherheitsverhalten (Kontrollieren, Rückversichern, Verändern des Makels), und lassen Sie nach Möglichkeit keine Vermeidung zu.

Die typischen Verhaltensweisen der KDS können von den Betroffenen nicht einfach so gelassen werden! Es wird längere Zeit in Anspruch nehmen. Versuchen Sie geduldig zu bleiben.

Ermutigen Sie die Person, dass es möglich ist, die KDS zu bewältigen. Helfen Sie ihr ggf. dabei, einen Behandlungsplatz zu finden. Seien Sie während der Therapie Coach und Cheerleader.

Versuchen Sie, dem Betroffenen keine Schuldgefühle zu machen, und machen auch Sie selbst sich keine Vorwürfe. Niemand ist „Schuld“ an der KDS.

Seien Sie sich bewusst, dass der Betroffene im unterschiedlichen Ausmaß von der Richtigkeit seiner aussehensbezogenen Annahmen überzeugt sein kann und die Aufnahme einer Psychotherapie für sie/ihn weniger logisch erscheint als eine das Aussehen verändernde Behandlung wie z. B. eine plastische Operation.

Wenn Sie Gefühle von Schuld, Ärger oder Traurigkeit entwickeln: das ist ganz normal und verständlich in Ihrer Situation.

Passen Sie auf sich selbst auf! Hören Sie nicht auf, wegen der KDS Ihres Angehörigen für sich selbst zu sorgen.

Falls Sie an sich feststellen, dass Sie dauerhaft massiv überfordert sind, oder depressive Gefühle entwickeln, lassen Sie sich unterstützen.

Ratgeber für Betroffene und Angehörige



1. Deutschsprachige Ratgeber:

  • Brunhoeber, S. (2013). Keine Angst vorm Spiegel: Der Weg zur Körperakzeptanz. Rabenau: Stillwasser.

  • Ritter, V. & Stangier, U. (2010). Wenn das Spiegelbild zur Qual wird: Ein Ratgeber zur Körperdysmorphen Störung. Göttingen: Hogrefe.

  • Wilhelm, S. (2011). Fühl dich schön! Ein Selbsthilfeprogramm bei Problemen mit dem Körperbild. Bern: Hans Huber Verlag.



2. Englischsprachige Ratgeber:

  • Neziroglu, F, Khemlani-Patel, S., & Santos, M.T. (2012). Overcoming Body Dysmorphic Disorder: A Cognitive Behavioral Approach to Reclaiming Your Life. Oakland: New Harbinger Publications.

  • Veale, D., Willson, R., & Clarke, A. (2009). Overcoming Body Image Problems including Body Dysmorphic Disorder. A Self-help Guide Using Cognitive Behavioral Techniques. London: Robinson.

  • Wilhelm, S. (2006). Feeling Good about the Way You Look. A Program for Overcoming Body Image Problems. New York: Guilford Press.

Behandlungsmöglichkeiten

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1. Psychotherapie

Als erwiesen gilt mittlerweile, dass insbesondere die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) Betroffenen helfen kann, die KDS zu bewältigen. Die meisten Ratgeber (s. Ratgeber für Betroffene und Angehörige) basieren auch auf dieser Therapieform. Die Mitglieder und Kooperationspartner des Netzwerks bieten jeweils KVT-Behandlungen der KDS an. Unter Mitglieder können Sie sich informieren, ob jemand der Mitglieder bzw. Kooperationspartner in Ihrer Nähe praktizieren.Andere Therapieverfahren (wie zum Beispiel die psychodynamischen Verfahren) sind noch nicht so gut untersucht, so dass noch keine Aussagen zur Wirksamkeit getroffen werden können. Auch EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) wurde in einer Einzelfallstudie bereits angewendet, wobei von sieben Patienten sechs profitiert haben.

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2. Medikamente

Mittlerweile konnte die Wirksamkeit psychopharmakologischer Behandlungen der KDS wissenschaftlich belegt werden. Besonders selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs) haben sich als wirksam erwiesen, die Einnahme von SSRIs kann sowohl die Schwere der KDS-Symptome abmildern (Häufigkeit von KDS-typischen Gedanken und Verhaltensweisen bzw. Vermeidung), als auch die damit verbundene Belastung. Die Wirksamkeit eines SSRIs für die Behandlung der KDS hängt jedoch von mehreren Faktoren ab. Zum einen liegt die Medikamentendosis im Vergleich zur Behandlung der Depression im Durchschnitt deutlich höher. Zum anderen dauert es erfahrungsgemäß bei der Behandlung der KDS im Vergleich zur Behandlung von Depressionen länger, bis es zu einer Symptomverbesserung kommt.

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3. Medizinisch-kosmetische Behandlungen

Viele Menschen mit KDS versuchen, den wahrgenommenen Makel durch medizinisch-kosmetische Behandlungen zu korrigieren. Dabei kann es sich um „Schönheitsoperationen“ im engeren Sinne handeln, aber auch um Behandlungen bei Kosmetikerinnen, Frisören usw., je nach Beschaffenheit der betroffenen Region. Leider führen diese Behandlungen in der Regel nicht zu einer Verbesserung, sondern mitunter sogar zu einer Verschlechterung der KDS-Symptomatik.

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